Anfang Juli ist “Popstars” in die nunmehr zehnte Staffel gestartet. Um sich von den vielen anderen Castingshows abzuheben, wollten die Verantwortlichen etwas neues machen und haben die Punktevergabe eingeführt. Die Jury-Mitglieder geben jedem Kandidaten nun eine gewisse Anzahl an Punkten. Die Idee ansich ist zwar gut, aber die Umsetzung leider völlig misslungen.
Im vergangenen Jahr musste “Popstars” zum ersten Mal seit 2006 pausieren. ProSieben zeigte lieber die erste Staffel von “The Voice”, die nach einem extrem starken Start zwar abbaute, aber dennoch deutlich erfolgeicher lief als viele “Popstars”-Staffeln zuvor. Viele Medienexperten glaubten danach nicht mehr an eine Rückkehr der bereits im Jahr 2000 gestarteten Castingshow. Doch ProSieben erklärte von Anfang an, dass “Popstars” nur für ein Jahr pausieren werde – und brachte das Format Anfang Juli wieder auf die Bildschirme.
Doch der Castingshow-Markt ist so überflutet, dass sogar die ehemaligen Erfolgsgaranten “Deutschland sucht den Superstar” und “Das Supertalent” bei RTL mit Problemen zu kämpfen haben. Deshalb brauchte es dringend Neuerungen am “Popstars”-Konzept. Das sahen wohl auch die Macher der Sendung so, weshalb sie an einigen Stellschrauben drehten.
Unter anderem durften sich wieder Mädchen und Jungs bewerben. Die größte Änderung gab es allerdings in einem anderen Punkt: Die Jury-Mitglieder entscheiden nun durch ein Punktesystem, wer weiter kommt – und wer nicht. Detlef D! Soost & Co. können die Sängerinnen und Sänger mit Punkten zwischen 0 und 3 bewerten – ein Kandidat braucht mindestens 8 Punkte um eine Runde weiter zu kommen. Macht bei vier Juroren durchschnittlich 2 Punkte.
Okay, ich gebe zu: Anfangs fand ich die Änderung etwas banal. Da suchen die Show-Verantwortlichen nach Alleinstellungsmerkmalen und ihnen ist nichts besseres eingefallen als ein simples Punkte-System? Da war die Live-Tabelle bei “Unser Star für Baku” deutlich spektakulärer. Doch nachdem ich die ersten Sendungen gesehen habe, finde ich die Punkte gar nicht mehr so schlecht.
Bei jedem Kandidaten kommt immer wieder ein wenig Spannung auf. Schafft er es? Wer will ihn in der nächsten Runde haben? Wer nicht? Bekommt er die volle Punktzahl? Und das wichtigste: Was würde ich ihm geben? Mit dem neuen System gelingt es ProSieben, die Zuschauer ein bisschen mit in die Sendung einzubeziehen. Und dabei ist es gar nicht mal so schlimm, dass die Juroren wissen, was ihre Kollegen geben und entsprechend darauf reagieren können.
Und ewig grüßt der Überraschungseffekt
Die Probleme liegen woanders. Die Juroren können ihre Entscheidungen nämlich wann immer sie wollen zurücknehmen und eine andere Punktzahl vergeben. Beispiel: Kandidat A hat 7 Punkte und muss gehen. Juror A erhöht von 2 auf 3 Punkten – der Kandidat ist weiter. Herzlichen Glückwunsch. Dadurch wird das gesamte Konzept ad absurdum geführt. Spannung gleich null.
Und dann meinen die “Popstars”-Macher tatsächlich, sie müssten ein vermeintliches Highlight nach dem anderen zeigen. Ständig wiederholt sich Detlef D! Soost wenn er sagt, wie schwer es sei, Punkte zu bekommen. Wie hart “Popstars” ist. Drei Juroren haben bereits ihre Punkte verteilt. Einer fehlt noch. Zeitlupe. Wiederholungen. Die letzte Punktewertung kommt. Er oder sie ist weiter. Grenzenloser Jubel bricht aus. Das ganze wird natürlich unterlegt von Musik – mal düster und schaurig, mal leicht und freudig. Diese oder ähnliche Szenen gibt es pausenlos in der neuen Staffel zu sehen.
Da hilft es auch nicht, dass mit Lucy (“No Angels”), Senna (“Monrose”) und Ross (“Bro’Sis”) drei waschechte “Popstars” in der Jury sitzen. Ganz im Gegenteil: Als Zuschauer wird man das Gefühl nicht los, ein etablierter Musikmanager oder ein bekannter Künstler wollte nicht mehr an der Show teilnehmen. Die drei von der Resterampe eben. Dabei machen sie ihren Job eigentlich nicht schlecht. Vor allem Lucy überrascht öfters mit klugen Einwänden und Ratschlägen. Etwas ermüdend ist allerdings die Phrase: “Du erinnerst mich total an mich!” Was folgt sind dann Einblendungen von den früheren Staffeln, als die Juroren noch Kandidaten waren.
“Der Sommer ihres Lebens”
Die Casting-Folgen sind inzwischen überstanden, ab dem heutigen Donnerstag (2. August) folgen Workshop-Ausgaben. Und dabei greifen die Verantwortlichen auf ein altbekanntes Konzept zurück, an dem sich bereits die Macher von “Deutschland sucht den Superstar” seit geraumer Zeit bedienen. Und das heißt: Sommer, Sonne und Strand. Was natürlich nicht fehlen darf: viel nackte Haut.
Für den Workshop wurde nämlich auf Ibiza gedreht. Kamerataugliche Jungs und Mädchen hat man sich bereits ausgesucht. Nun können sie vor toller Kulisse in Szene gesetzt werden. Das alles gibt es jedes Jahr auch bei “DSDS” zu sehen. Laut ProSieben stehen “heiße Flirts” übrigens auf der “Tagesordnung”. Der Sender wirbt, wie sollte es anders sein, mit dem “Sommer ihres (der Kandidaten, Anm. d. Autors) Lebens”.
Sollte diese Tatsache für einen Quotenschub sorgen, könnten die Senderchefs aufatmen, denn derzeit befindet sich “Popstars” nur noch knapp über dem ProSieben-Schnitt. Zuletzt erreichte die Castingshow 12,3 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen. Zum Auftakt waren es noch 15,2 Prozent. Zuletzt saßen auch nur noch 1,58 Millionen Menschen vor den Fernsehgeräten – minus 400.000 im Vergleich zur Premiere.
Und dann wären da ja noch die Kandidaten selbst. Nachdem was ich bis jetzt in den Casting-Folgen sehen konnte, sind es nicht die besten. “LaVive” und “Some & Any” lassen grüßen.

Ich fands und finds gelinde gesagt uninteressant ;)